Bandol Vins & Comestibles

Wie Lulus Küche die Welt eroberte

Wie Lulus Küche die Welt eroberte

Die Geschichte Tempiers könnte viele Protagonisten haben. Geschrieben wird aber am liebsten über Lulu Peyraud.

Was bleibt, wenn man Weintrinken auf das Wesentliche reduziert? Keine Zahlen zu Mineralvorkommnissen in der Erde, keine Vergleiche zwischen Eichenfässern und Stahltanks, keine Ranglisten, Preise oder Kritiken. Es bleibt das Beisammensein, das Zusammenkommen und Geniessen, in aller Ruhe, versammelt um einen Tisch. Ein uralter Ausdruck menschlicher Wärme. Das steckt in der Seele des Weinfreunds. Und nirgends findet man Weine mit mehr Seele als in Lulus Küche auf Tempier.

When Lucie met Lucien

Es ist der Sommer 1933: Lucie Tempier, für alle «Lulu», steht auf einem Sprungbrett im Küstenstädtchen Sanary, als sich ihr Blick mit dem von Lucien Peyraud kreuzt. Er ist Agraringenieur, sie studiert gerade Kunst – drei Jahre später sind die beiden ein Ehepaar. Lulus Vater, ein Lederhändler aus Marseille, schenkt ihnen das Weingut Tempier, das seit über hundert Jahren im Familienbesitz ist. Für Lucien geht damit ein jahrelanger Traum in Erfüllung. Aber erst als sein Schwiegervater ihm eine unscheinbare alte Flasche Rotwein überreicht, ist es endgültig um ihn geschehen.

 


Lucien und Lulu in den 40ern. Bild: Website Domaine Tempier

 

Die Mourvèdre macht ein Comeback

Der geschenkte Wein stammt aus Tempier selbst; aus einer Zeit, in der die verheerende Phylloxera-Plage noch nicht in Frankreich gewütet hatte. Aus der Ära also, bevor die Mourvèdre zugunsten weniger anspruchsvoller Rebsorten verdrängt wurde. Der Rotwein fliesst Lucien Peyraud vermutlich direkt ins Herz, denn ab dem Tag an macht er es sich zur Lebensaufgabe, die Mourvèdre zurück nach Bandol zu bringen.

Er hilft seinem Freund, dem Schweizer Chemieingenieur André Rothlisberger, aus Bandol eine «Appellation d’Origine Contrôlée» zu machen. Und müssen die Weine der A.O.C. Bandol zu Beginn noch einen bescheidenen Mindestanteil von zehn Prozent Mourvèdre vorweisen, sind es dank Luciens Überzeugungsarbeit bald zwanzig, dann dreissig, und heute sogar fünfzig Prozent. Völlig zurecht geht Lucien Peyraud als Botschafter der Mourvèdre in die Annalen Bandols ein. Aber dass Tempier heute das bekannteste Weingut der Region ist, hat es in grossen Teilen auch seiner Frau zu verdanken.

 


Lucien und Lulu in ihrem Element. Bilder: Website Domaine Tempier

 

Von Béchamel zu Kriegsgemüse

Lulu – die Vermarkterin. Unermüdlich reist sie kreuz und quer durch Frankreich und überzeugt Restaurant um Restaurant von der Qualität der Weine aus Tempier. Zuhause hat sie derweil ganz andere Überzeugungsarbeit zu leisten. Der Zweite Weltkrieg ist da, die Lebensmittel sind knapp und Lulu muss eine sechsköpfige Familie ernähren. Lucien (daran wird sich Lulu noch lange erinnern) bringt jeweils ganze Wagenladungen Topinambur nach Hause. Eigentlich für die Kühe, aber die besten Knollen soll Lulu für die Familie herauspicken. Wusste sie als Frischverheiratete nur Béchamel-Sauce zuzubereiten, lernt sie in dieser Zeit zu improvisieren.

Willkommen bei den Peyrauds

Dass ihre Küche bald berühmt sein wird; dass Menschen den Atlantik überqueren werden, nur, um ihr beim Kochen zuzuschauen – davon ahnt Lulu noch nichts. Sie führt ganz einfach eine Tradition fort, die im Hause Tempier so alt ist wie die besten Weine im Keller: Sie öffnet Freunden und Gästen aus aller Welt die Türen zu ihrem Zuhause. Bei den Peyrauds ist es ein stetes Kommen und Gehen und immer wieder finden sich neue und altbekannte Gesichter versammelt um den gleichen Esstisch.

 


Lulus Küche mit der berühmten Feuerstelle. Bild: Mary Jo Hoffman

 

Für alle steht Lulu stundenlang an der offenen Feuerstelle, die sich über die gesamte Länge der Küche erstreckt, und tischt dann das Beste auf, was die Provence zu bieten hat: herzhafte Ratatouilles, würzige Tapenade und Aïoli, und, immer wieder, ihre unnachahmliche Bouillabaisse.

Begleitet wird alles von Flaschen um Flaschen der frischesten Rosés und edelsten Rotweine. So grosszügig wie Lulu in der Küche ist, sind Lucien und seine Söhne nämlich im Weinkeller. Auf Tempier dauert eine Degustation nie die verabredete halbe Stunde. Und immer wieder wird dem Gast viel mehr geboten, als er sich erhoffen konnte.

 


Das Weingut Tempier. Bild: Website Domaine Tempier

 

Das Phänomen «Lulu»

Aussenstehenden dürfte es schwerfallen, Lulu Peyrauds Wirkung auf ihre Gäste nachzuvollziehen. Ist es die Frische der Zutaten, die sie jeden Morgen in aller Früh auf dem Markt einkauft? Oder sind es vielmehr ihre Schlagfertigkeit und diese entwaffnende Art, jeden Gast so zu behandeln, als habe sie nur auf ihn gewartet? Sicher ist nur eins: Lulu erobert die Herzen aller, die ihr Haus betreten.

Ihr grösster Fan wird Richard Olney: ein US-amerikanischer Maler und Kochbuchautor, bekannt für Bücher über die französische Landküche. So ergriffen ist er von Lulus Gastfreundlichkeit, dass er ihr ein ganzes Buch widmet. In «Lulus Provencal Table» beschreibt der inzwischen verstorbene Olney nicht nur Lulus Rezepte, sondern auch persönliche Erinnerungen an seine Zeit mit den Peyrauds. Im Versuch, Lulus warmherziges Wesen einzufangen, verschafft Olney ihr unverhofft eine Fangemeinschaft in Übersee.

 


Richard Olney mit einer jungen Lulu. Bild: Mary Jo Hoffman

 

Bald schon suchen seine Nachahmer das kleine Landhaus in Le Castellet persönlich auf, um in den Genuss Lulus berühmter Bouillabaisse zu kommen. Unter ihnen ist auch Kermit Lynch, erfolgreicher Weinhändler aus Kalifornien. Er findet in Lulu und Lucien die Familie, von der er immer glaubte, sie würde ihm verwehrt bleiben. Und schliesst das Weingut Tempier so schnell in sein Herz, dass er sich gleich nebenan ein zweites Zuhause errichten lässt.

Und dann ist da noch die amerikanische Gastronomin Alice Waters, deren gefeierte California Cuisine geprägt ist von der Zeit, in der sie bei Lulu in der Küche lernte. Waters Restaurant «Chez Panisse» gehört zu den berühmtesten in den Vereinigten Staaten. Aber in ihrer eigenen Küche in Berkeley steht eine Art Replika von Lulus grosser Feuerstelle.

 


Olney, Lulu und Alice Waters an der Vernissage von Lulu's Provencal Table

 

Auf zu neuen Ufern

Etwas gilt es hier festzuhalten: Lulu stand nicht immer bloss in ihrer Küche. Sie verkaufte in ganz Frankreich Wein, engagierte sich im lokalen Kulturgeschehen, war in Vereinen. Dreissig Jahre lang hatte sie ein kleines Segelboot im Hafen von Bandol, in das sie regelmässig ihre sieben Kinder setzte und lossegelte. Und jedes Jahr begleitete sie Lucien auf den Reisen, die er als Vize-Vorsitzender des «Institut National de l’Origine et de la Qualité» machen durfte. Sie bereiste die Welt; sass mit Olney in einem Boot vor der Küste Siziliens und ass Algen mit Salz und Zitrone, direkt aus dem Meer. Probierte in Georgien Hühnchen vom Kohlegrill und röstete in Chile Rindsrippen auf einem gewaltigen offenen Feuer. Überall entdeckte sie neue Speisen und Weine. Und kaum war sie zurück in Frankreich, verwandelte sie das Gelernte jeweils in eigene Kreationen.

 


Die Peyraud Kinder: (v.l.n.r.): Fleurine, Jean-Marie, François, Marion, Colette, Laurence & Véronique. Bild: Website Domaine Tempier

 

Der Schlüssel zum Glück

Als Lulu vor zwei Jahren ihren hundertsten Geburtstag feierte, verglich die Washington Post sie in einem langen und bewegenden Artikel mit der amerikanischen Ikone Julia Child. Das Weingut Tempier, inzwischen in den fähigen Händen des Agraringenieurs Daniel Ravier, widmete ihr den 2017er Rotwein und nannte ihn «Pour Lulu». Neben dem verspielten roten Schriftzug ziert auch eine Schaukel das Etikett der Flasche. Weil Lulu (und das sagt eigentlich schon alles über sie aus) selbst als Hundertjährige noch zweimal täglich fünfzig Mal auf der Baumschaukel in ihrem Garten schwingt.

 


Lulu auf der Baumschaukel und in ihrem Wohnzimmer. Bilder: Mary Jo Hoffman

 

Journalisten fragen sie gern, was ihr Geheimnis sei. Und Lulus Antwort, vorgetragen mit einem breiten Lächeln, ist so unwiderstehlich wie ihre Küche. Sie trinke nur Rotwein und Champagner, kein Wasser, sagt sie. Rotwein, weil er bekanntlich die Verdauung fördere. Und Champagner? «Parce qu’il te fait rire.»